François Lelord

„Ich hab‘ das Schönste auf der Welt gesehen: Paris im Herbst“. Während ich durch den Jardin du Luxembourg und das angrenzende Quartier Latin spaziere und auf meinen Termin bei François Lelord warte, singe ich mir im Kopf immer wieder den Refrain aus Thees Uhlmanns Lied vor. Ich kann nicht anders, es ist wie ein Zwang, weil jeder Straßenzug, jeder Platz und jeder Park diesen Songzeilen so Recht gibt. Diese Gedanken kommen und gehen und kommen dann wieder, mit allem Neuen, was ich sehe, über das ich staunen möchte, während ich die Menschen beobachte, die in ihrer Welt hier für einen kurzen Moment in meine treten und sie wieder verlassen. Ich denke auch an Volker Schlöndorff, der viele Jahre hier gelebt hat, an seinen Film über die Beinahezerstörung der Stadt damals, gegen Ende des Zweiten Weltkriegs und an all das, was Thees in seinem Lied heute niemals hätte besingen können. In diesem Moment würde ich auf ein anderes Paris im Herbst schauen und es wäre ganz sicher nicht das Schönste auf der Welt. Auch François Lelord würde nicht in seinem schicken Altbau, im sechsten Stock, auf der Rue de Rennes leben, wie er es eben doch heute tut, weil Diplomatie damals siegte und nicht Deutschland.

Wie vor sechs Jahren, hier in unmittelbarer Nachbarschaft, öffnet mir wieder ein Zahlenbuchstabenkombinationscode die Türe und ein Aufzug führt mich, genau wie damals bei Gabriel Yared, ins oberste Stockwerk. Monsieur Lelord begrüßt mich freundlich und wir gehen ins Wohnzimmer, das belebt aussieht. Der Blick über die Dächer der Stadt, das Spielzeug eines vielleicht dreijährigen Kindes auf dem Boden, ein langer Esstisch, an dem kein Stuhl dem anderen gleicht, ein großer Spiegel, ein paar Bücher, ein bisschen Kunst und Antiquitäten, gemischt mit modernen Möbeln, Fotos im Rahmen, unplatziert auf einem Stuhl in der Ecke – auf den ersten Blick werde ich durch nichts wirklich überrascht, wohl aber durch die Tatsache, dass ich hier seinen Arbeitsplatz erwartet habe, ohne ihn zu finden. Er arbeitet nämlich ausschließlich in Cafés, wie er später erzählt und dann muss ich ans Berliner Wohnzimmer denken und an die Menschen dort mit ihren mobilen Geräten. Vielleicht ist der ein oder andere von ihnen ja auch Schriftsteller und schreibt Romane oder zumindest Kurzgeschichten oder wenigstens einen Lifestyle-Blog oder sowas, das kommt ja immer ganz gut, so aus einem hippen Café, am Puls des Zeitgeistes sozusagen, würde man wohl schreiben. Während ich Lelord fotografiere, stelle ich ihm meine Fragen über die Liebe und so als wäre er Hector selbst, erwarte ich in jedem seiner Sätze die großen Weisheiten, abgepackt und abgestimmt, für und auf mein Leben. Meine Offenheit ist mein Einsatz und er mein Therapeut in diesem Moment, doch antwortet er analytisch und praktisch, statt mich mit großen Erkenntnissen prosaisch zu beschenken. Er ist kein Orakel, stelle ich fest, und kein Esel, der goldene Münzen der Weisheit auf Bestellung ausspuckt, auch wenn ich wohl so etwas in der Art erwartet oder mir zumindest gewünscht hatte. Und so ist das Einzige, was ich von hier in dieser Hinsicht mitnehme die Einsicht, dass man die wichtigsten Einsichten immer selber hat.


Paris, im Herbst 2014

François Lelord (*1953 – französischer Psychiater & Schriftsteller)

Photos & Texts © 2018 by Alexander Mirsch.