Michael Ballhaus

Aktualisiert: 10. Aug 2018

In Berlin zu sein ist für mich, wie morgens nach Zwiebelsuppe oder Bohneneintopf unter einer vollgedönerten Bettdecke aufzuwachen. Es ist irgendwie auf diese ganz eigene, unheimliche Art sehr behaglich und vertraut und man möchte alles in sich aufsaugen, auch wenn sowas natürlich sehr subjektiv ist, Geschmackssache praktisch, und jeder da so seine eigenen Vorlieben und Lieblingsstädte hat. Und, wenn ich dann an meinen Sommer im gemütlichen, gutbetuchten Randstadtteil Zehlendorf denke, an diesen einen Tag, dann denke ich vor allem daran, dass Berlin die Größe besitzt mit Überraschungen nicht zu geizen, dass es dort ein ganz anderes Berlin ist, als das, das ich bisher kannte, aber auf diese ganz andere Art und Weise genauso liebenswert und, dass ich es auch lieben würde, wenn Zehlendorf nicht Berlin wäre, sondern einfach nur Zehlendorf. Ich denke an die hübschen, pflegebefreiten Grünstreifen, die sich wie lange, schmale Sommerwiesenparzellen an die endlosen, kopfsteingepflasterten Straßen anschmiegen und an die dahinter liegenden Häuser, die aussehen, als dürften dort nur glückliche Familien leben, als wäre Zehlendorf eine logische Folge von Prenzlauer Berg. Alle Elternpaare, die bis zu einem gewissen Zeitpunkt noch gemeinsam die Hand am Sixpack-Bollerwagen haben, während man auf dem Latte-Macchiato-Strich arschlos anstehend, yogatrainierte Beine in hagere Designerbäuche steht, qualifizieren sich für eine Villa in Zehlendorf mit Trampolin und Polyrattanmöbeln im Garten, wie in einem Science-Fiction-Film, in dem Liebe und Leben zugeteilt wird, wie Hundeleckerli oder EM-Gruppengegner beim Fußball. Ich denke aber auch an den Waldsee, an Lydia aus der Kottbusser Straße und natürlich an Michael Ballhaus und die Sache mit dem Interview und dem Diktiergerät.

Da Michael Ballhaus auf ein glückliches Familienleben zurückblickt, hat auch er schon seit vierzig Jahren eine Wohnung in Zehlendorf, die ich pünktlich erreiche. Ich klingle und kurz darauf betrete ich das angenehm kühle Treppenhaus. Die geschlossenen Türen im Erdgeschoss weisen mir stumm den Weg nach oben und noch bevor ich den geschwungenen Treppenaufgang ganz hinter mir lassen kann, öffnet sich im ersten Stock eine Türe. Ich erkenne ihn sofort, unverwechselbar er: Dünner Schnurrbart, Leinenhose, Hemd und Hosenträger und … barfuß. Das ist neu, denke ich, und richtig so, es ist ja schließlich Sommer draußen und bullenheiß. Ich lasse Schuhe und Socken an und trete ein. Die Wohnung ist groß und schön und irgendwie angemessen, finde ich, was immer das heißt. Michael Ballhaus geht voran und gibt mir eine kleine Führung. Am langen, schönen Esstisch im geschmackvoll übersichtlichen Esszimmer beginnen wir mit den ersten Fotos und kehren dorthin im Anschluss auch für das Interview zurück. Darin erzählt er vom ganz großen Kino, dem er über Jahrzehnte hinweg durch sein Auge ein Gesicht gegeben hat, von seinen Filmen und seiner Arbeit mit Scorsese, Nichols und Redford, Coppola, Newman und all den anderen Namen. Er redet von Jack Nicholson und Leonardo DiCaprio und den gemeinsamen Projekten, als wäre es das Normalste von der Welt mit solchen Leuten gemeinsame Projekte zu haben. Aber genau das war es für ihn, ein Leben unter Hollywoodlegenden und doch auch selbst eine. Grade heute bin ich froh, bei einem Interviewtermin zum ersten Mal ein Diktiergerät am Start zu haben, das mir in Sachen Stenographie einiges voraus hat und deshalb den Teil des Mitschreibens übernehmen sollte. Das jedenfalls war der Plan. Dass Pläne es aber manchmal gar nicht so mit sich selber haben, daran sollte ich ziemlich schnell erinnert werden.

Es sind vielleicht drei Minuten, in denen ich nach unserem Treffen von der Ballhaus-Wohnung in den benachbarten Park gehe, wo ich mir unser Gespräch noch einmal anhören will, drei Minuten Glückseligkeit, in denen ich zufrieden bin mit mir und der Welt und vor allem mit dem Interview, drei Minuten, in denen ich an alles andere denke, als daran, was ich nur wenige Augenblicke später tun und fühlen würde, mich nämlich wie der allerletzte Vollidiot, der panisch versucht sämtliche, und damit meine ich wirklich alle, Antworten aus seinen noch frischen Erinnerungen zusammenzukratzen, weil das Diktiergerät nämlich einen Scheiß getan und rein gar nichts aufgenommen hatte. Dieser Augenblick, in dem man die Situation erkennt bevor man sie richtig versteht, ist ein relativ ruhiger und leiser Moment, in dem man gerne, trotz aller Unwahrscheinlichkeit, noch alles für möglich halten möchte, vor allem einen Irrtum. Nur wenige Worte geistern einem etwas orientierungslos durch den Kopf, Worte, die die Situation abwechselnd bitten und verneinen und Sätze, die beides gleichzeitig tun wie „Nenene, komm. Komm schon, bitte, bitte, bitte!“. Ein Moment, in dem man zerrissen wird von naivem, flehendem Hoffen darauf, dass die Aufnahmen doch noch irgendwo auf dem Gerät zu finden sind und der wachsenden Einsicht, dass Hoffen hoffnungslos ist, weil Technik Mensch selten verarscht und die Display-Anzeige „No Files“ so etwas wie die auf den Punkt gebrachte Unmissverständlichkeit der Situation ausdrückt, eine Punchline des Versagens. Dann schließlich akzeptiert man und eine Phase beginnt, in der es verbal unübersichtlich und unschön wird, weil man sich damit überschlägt, die übelsten Ausdrücke wahllos zu immer neuen, überlangen Schimpfwortschöpfungen zusammenzusetzen, Kackpissarschlochfickefickehurenfickgerät zum Beispiel, um die Situation damit angemessen in Grund und Boden zu beleidigen, während sich Wutkrämpfe gewaltsam an öffentlichem Eigentum entladen, weil öffentliches Eigentum im Grunde auch dafür da ist, es in solchen Situationen einfach verdient zu haben. Das sind die Momente, in denen man Parkbänke oder Parkmülleimer so lange ergebnislos zusammentritt, bis der eigene Fuß blau und blutig ist und man einfach nur noch schreit, weil einem sonst nichts mehr einfällt und Schreien ja schon ganz am Anfang immer irgendwie half. Was bleibt, ist die Phase der Resignation und der Wunsch, in den Görlitzer Park zurückzukehren und diesmal nicht nur zum Pinkeln oder sich einfach nur besinnungslos zu besaufen, hier in diesem Park, direkt vor den Augen der ehemaligen, wohnortbeförderten Prenzlberger, die mich dann so angucken würden, als wäre ich ganz schön arm dran und sie auch ein bisschen, weil sie wegen mir die Welt nicht mehr verstehen und damit in ihrer überheblichen Art und Weise so tun, als hätten sie je eine Ahnung von ihr gehabt. Diese Prenzelberger mit ihrem scheiß dies und ihrem scheiß das, mit ihrem scheiß alles einfach. Scheiße alles! Und dann würde ich vermutlich in mich zusammensacken und ein bisschen weinen, weil das immer geht und für Alternativen die Kraft jetzt eh nicht mehr reicht. Aber kurz vor dem emotionalen Erdrutsch, kurz vor der Stelle mit der Gewalt, biege ich dann doch noch in den Ruheraum meiner Seele ab und krieg‘ mich wieder ein.

Was genau war eigentlich passiert? Natürlich war es nicht der Fehler des Diktiergeräts und natürlich ist „No Files“ einzig die Punchline meines Versagens. Statt nämlich zwischen meinen Fragen und seinen Antworten abwechselnd Aufnahme, Stopp und dann wieder Aufnahme zu drücken (oder das Diktiergerät vielleicht einfach die ganze Zeit aufnehmen zu lassen, wie ich es seitdem mache), drückte ich ab der zweiten Frage aus Versehen einfach immer nur denselben Knopf, die Stopptaste, und löschte mir zusätzlich, als wäre das nicht schon in Dummheit zu übertreffen annährend unmöglich gewesen, am Ende, durch eine ungeschickte Tastenkombination, auch noch die erste und die einzige seiner Antworten, die das Kackpissarschlochfickefickehurenfickgerät aufgenommen hatte.

Also bemühe ich mein Gedächtnis und meine Konzentration, versuche das Desaster zu flicken, wo es geht, kritzele kreuz und quer auf den Ausdruck mit den Interviewfragen und schreibe auf, was mir noch einfällt oder nicht allzu falsch klingt. Ich sitze da, bis ich zufrieden bin, eine halbe Stunde vielleicht und dann gehe ich und verlasse den Park und die Nachbarschaft von Michael Ballhaus, gehe quer über die bolzplatzgroße Parkwiese in Richtung Mexikoplatz und bin vollkommen leer, geistig und emotional auf null zurückgesetzt und so ist der erste Gedanke, wie eine Art Wiedergeburt. Zehlendorf ist eindeutig nicht Brooklyn, denke ich, und, dass die Logik nicht gelitten hat. Doch auch hier gehöre ich nicht hin, auch nicht in diese Welt, die wieder so eine Welt ist, die sich mir in all ihren Details so plötzlich in den Weg erbrochen hat, als hätte jemand zu viel von zu schlechter Zwiebelsuppe oder zu altem Bohneneintopf gegessen. Und dennoch mag ich diese Welt, sie ist trotzdem wunderschön, so wie Eintöpfe und sowas wunderschön sind. Nur das Timing ist grade irgendwie wie das Salz in einer Suppe, die nicht richtig abgeschmeckt ist. Das ist jetzt einfach so, kann ich nicht ändern. Aber ich komme zurück, Zehlendorf, soviel steht fest, denn man sieht sich immer zweimal im Leben, das hatten wir ja schon. Und dann wird auch in meinem Garten ein Trampolin stehen, ein Trampolin ganz sicher und Polyrattanmöbel.


Berlin, im Sommer 2013

Michael Ballhaus (*1935/†2017 – deutscher Kameramann)


Photos & Texts © 2018 by Alexander Mirsch.