Volker Schlöndorff

Als ich das Haus der Schlöndorffs am Griebnitzsee in Potsdam erreiche, habe ich grade einen vierstündigen Roadtrip von Usedom über die Dörfer, durch die ostdeutsche Provinz hinter mir und erschüttern kann mich nur noch wenig. Es gibt grade Mittagessen, nicht für mich, ich komme sowieso zu spät. Es riecht gut, gutbürgerlich, ehrlich, sympathisch, nach Braten mit Soße und Kartoffeln und Gemüse. Für mich gibt es ein stilles Wasser und eine große deutsche Tageszeitung zum Wartezeitvertreib. Ich finde es allerdings viel spannender, dem Tischgespräch der Schlöndorffs zu folgen. Das lässt sich nun mal auch nicht vermeiden, denn ich sitze, auch, wenn ich sie nicht sehen kann, nicht weit entfernt, vielleicht zehn Meter Luftlinie, im Wohnzimmer.

Nicht weit entfernt im Arbeitszimmer werden später die ersten Bilder entstehen, ein Arbeitszimmer, das voller Bücher in raumhohen Regalen steht und in dem sich die Atmosphäre so kreativ dicht anfühlt, als würden hier immer noch all die jemals gedachten Gedanken und die gesammelten Ideen der letzten vierzig Jahre verhallen, ein Denkatelier in dem Schlöndorff die vielen Figuren schuf, die durch seine Filme Gestalt annahmen, in dem er Brecht las und Grass und Böll und in dem er sich mit Kleist auseinandersetzte, mit Miller und mit Yourcenar. Während wir Fotos machen, räumt er seinen Schreibtisch auf, der aussieht, als wäre das für ihn eine ganz neue Erfahrung, als reiche die angestaute Unordnung, die er trägt, bis weit in die 1970er Jahre zurück. Wieso er das eigentlich jetzt mache, fragt sich Schlöndorff selbst und der Schreibtisch und ich, wir fragen uns das auch. Er zeigt mir seinen Terminkalender, in dem er sich den Termin mit mir eingetragen hat, seine Vielfliegerkarte und ein kleines Skelett, das im Profil dargestellt und aus Papier gebastelt ist, Halloween-Fensterschmuck.

Später schlendern wir durch den Garten, durch das Laub des großen Baumes, das einen großen Teil der Rasenfläche bunt bedeckt. Der zweite Teil der Fotos entsteht hier. In der Ferne suchen seine Augen einen Weg am gegenüberliegenden Ufer des Sees und aus der Distanz skizziert sein Finger grob seinen Verlauf und bewältigt in Sekunden, wofür Vater und Tochter am Morgen joggend fünfundvierzig Minuten benötigt haben. Überall im Garten zeugen Sitzgelegenheiten, Stühle, Bänke und Tische von Freunden und Festen, die nicht wenige zu sein scheinen und nicht selten waren, von einem belebten Sommer, dessen herbstlich lange Schatten zu früher Stunde an die späten Abende der warmen Wochen erinnern. Auf dem Rückweg ins Haus lerne ich kurz seine Frau kennen und wir reden über meine Fahrt von Usedom nach Berlin. Aus Versehen habe ich ein Herbstblatt ins Haus hereingetragen. „Oh!“, denke ich und bin kurz abgelenkt. „Wo kommst du denn her, du schönes, buntes, armes Herbstblatt? Du bist so wunderschön.“ Ich hebe es auf und lege es vorsichtig auf die große deutsche Tageszeitung, wie ein fleischiges, weichstacheliges Igelwaisenjunge in ein warmes, flauschiges Bastkörbchen voller Liebe. „Hier wirst du es gut haben.“, sage ich noch denkend. Und dann ist alles gesagt und gedacht und alles getan und nichts bleibt mehr, das noch hinzugefügt werden könnte. Ich packe also meine Sachen und verabschiede mich. Zum Abschied berührt mich Volker Schlöndorff noch einmal und es fühlt sich gut an, ja, es gefällt mir, wie er es tut, denn er klopft mir lobend auf die Schulter. Was ich außerdem mitnehme, ist die Erinnerung an Braten mit Soße in den Poren meines Pullis und einen Gruß an Hessen von Herzen im Gepäck, denn das ist seine alte Heimat und meine neue und dort geht es für mich jetzt auch wieder hin.


Potsdam, im Herbst 2014

Volker Schlöndorff (*1939 – deutscher Filmregisseur & Drehbuchautor)

Photos & Texts © 2018 by Alexander Mirsch.