Fat Mike

„Alex, are you still here? You hit the jackpot.” Als NoFX-Manager Kent hinter mir in den Catering-Raum tritt, hat er gute Neuigkeiten. Er scheint sich mittlerweile offenbar auch mehr darüber zu freuen, als ich mich, denn ich habe bereits eineinhalb Stunden auf Fat Mike, den Sänger der Band und Gründer des Kult-Punk-Labels Fat Wreck Chords, gewartet und will auch grade gehen, weil ich hab Karten, gleich für den Mousonturm und langsam wird’s arschknapp. Hätte man mir als 17-Jähriger gesagt, dass ich mal ernsthaft darüber nachdenken werde, NoFX stehen zu lassen, um mir ein experimentelles, französisches Theaterstück anzusehen, ohne Dialog, dann hätte ich mich vermutlich vorsorglich schon mal selbst so sehr vermöbelt, dass ich mich zwanzig Jahre später noch daran erinnert oder beim Kauf der Theaterkarte zumindest schon ein verdächtig ungutes Gefühl gehabt hätte. Egal, jetzt ist er ja da und er sieht so aus, als wäre es klug keinen Scherz über seine Verspätung zu machen und auch das französische Theaterstück nicht zu erwähnen. Sonst sieht er eigentlich fast so aus wie immer: Grüne Strickjacke, roter Irokesen-Haarschnitt und auch seinen Spitznamen trägt er, im Juni 2015, mit achtundvierzig Jahren, immer noch zu Recht, vielleicht mehr denn je. Wenn man ihn so ansieht, dann könnte man denken, dass gestern gar nicht so lange her ist. Unterhalb des roten Kamms jedoch ist es der kurzgeschorene Teil seiner Haare, der dort gräulich meliert als einziges darauf hindeutet, dass Zeit dann doch selten über Nacht vergeht und dass melodische Punkmusik, die NoFX groß machte, eher das Phänomen einer Zeit war, als Autos noch Kassettenrekorder hatten und unsere Mixtapes dort ihre Songs spielten.

Der Grund für meine Wartezeit steht ihm überdeutlich ins Gesicht geschrieben: Schlafmangel, Hangover, Entzug, whatever. Grade jedenfalls erst aufgestanden, blinzelt mir Mike verknautscht und ziemlich skeptisch entgegen, als würde ihn auch hier im Inneren der Batschkapp die tiefstehende 19-Uhr-Sonne blenden oder als hätte ich mir einen Hinweis auf meine drängelnde kulturelle Verpflichtung auf die Stirn tätowiert. Er sei erst um ein Uhr ins Bett gekommen, erzählt er später, um ein Uhr mittags natürlich, „Taking drugs all night“. Bis er zweiunddreißig war, habe er sein „Imperium“ aufgebaut und bis dahin keine Drogen genommen, danach wollte er auch mal Spaß haben, sei aber zum Glück niemals abhängig geworden, erklärt er weiter und macht aus dieser Geschichte öffentlich auch nie ein Geheimnis. Ein Geheimnis macht er auch jetzt nicht daraus, dass das Foto-Shooting grade trotz unserer Verabredung weiterhin eher auf seiner Not-To-Do-Liste an erster Stelle steht (schönen Gruß ans Känguru). Zehn Minuten, denke ich, noch nie waren mir zehn Minuten lieber als heute, als jetzt sofort allerdings. Stattdessen schiebt sich Mike gefühlte zehn Minuten am Catering vorbei und guckt auch jetzt so skeptisch, als wäre das, was er sieht und das, was sein Gehirn ihm sagt, was er sieht, jedes Mal wie zwei aufgedeckte, aber nicht identische Karten eines Memory-Spiels, bei dem ihn sein Kater grade in Grund und Boden zockt und mit 180 Sachen an ihm vorbei über die Gewinnerstraße brettert. Also lädt er sich den Teller einfach mal mit so ziemlich allem voll, was es gibt und kommt dann ohne die Eile, die ich mir wünschen würde, zu mir an den Tisch, wo ich unter großer Anstrengung versuche, wie jemand auszusehen, den die Geduld noch immer nicht verlassen hat.

Während wir beginnen uns zu unterhalten, gibt es für mich die zweite Hälfte der Wasserflasche, die ich bis hier her in einer Schorle aus Langeweile und Verlegenheit getrunken habe und für ihn Abendbrot zum Frühstück: Braten, Kartoffeln und Gemüse. Dazu gibt es eine Flasche Bier und ein „Glas“ Rotwein, der durchsichtige Plastikbecher ist randhoch gefüllt. Es muss sich schnell wieder neu besoffen werden, als wenn Nüchternsein reines Gift für den Körper wäre. „Why do your job sober, if you don’t have to?”, erklärt er und zitiert sich einmal mehr selbst. Wie man eine Bierflasche ohne Öffner öffnet, hat er allerdings bis heute nicht gelernt. „Tzz, was ist der denn für ein Punk!?“, denke ich und irgendwas mit „Credibility“ denke ich auch und öffne sie ihm mit meiner Wasserflasche, was ihn nicht im Geringsten zu beeindrucken scheint.

Während Mike in knappen Sätzen mit vollem Mund auf Essen und Worten lustlos und offenbar genervt herumkaut und so aussieht, als würde er beides am liebsten auf meine Kamera kotzen, die zwischen uns liegt und die uns grade so unüberwindbar voneinander zu trennen scheint, wie die Berliner Mauer zur Bandgründung noch Ost und West, glaube ich, hin und wieder ein Lächeln über sein Gesicht huschen zu sehen, halte aber auch so etwas wie eine psychologische Fatamorgana für möglich, weil Fatamorganas ja immer das zeigen, was man sich am meisten wünscht, weil es am wenigstens da oder am fernsten ist. Vielleicht aber steht er im Geiste auch schon wieder, voller Heimweh und Vorfreude, noch halb zugedröhnt, am Gleis neundreiviertel, von wo aus er gleich wieder einen bunten, lustigen Zug zurück in seine ganz eigene Zauberwelt nehmen wird.

Bei einem Thema aber fangen Mikes Augen dann wirklich und ganz deutlich an zu leuchten, wach und klar und fröhlich, wie die unschuldigen Augen eines Kindes am Weihnachtsabend: BDSM. Und auch mein Verstand hält mich diesmal definitiv nicht zum Narren, als ich sehe, wie sich sein Blick langsam immer mehr entknautscht und schließlich einem breiten, rotzigen Grinsen Platz macht. Grinsekatze, denke ich und dann an eine Welt voller unausgeschöpfter Möglichkeiten, in der ich Alice bin, unschuldig und unbeleckt, und um mich herum ein endloses, herrliches Wunderland. Es ist genau die ad hoc launeumschwingende Freude, die ich ihm jetzt ansehe und mit der Menschen von nichts Geringerem erzählen, als von dem, was sie wahrhaft glücklich macht, von wahrem, purem Glück, das jetzt wärmer und wohliger und mächtiger durch seine Adern fließt, als die verbliebenen alkoholischen und synthetischen Glückskrümel der letzten Nacht, gesundes, reines Glück, Bioglück sozusagen. Seine Verlobte, sagt er dann, sei „Dominatrix“. Zwar ist mir schon irgendwie klar, dass das keine Figur aus der Welt des Uderzo und Goscinny ist, aber ganz sicher, ob ich vollkommen verstehe, das bin ich auch nicht. Eine Schautafel mit einem cartoonartigen Motiv auf seinem Oberschenkel, das er auf Grund meines fragenden Blicks, ohne zu Zögern, rasch und irgendwie auch ein bisschen stolz entblößt, zeigt mir, dass mein Verständnis allerdings die richtige Richtung eingeschlagen hatte. Das Tattoo zeigt eine Domina, die ihrem Job nachgeht, indem sie einen Mann quält, der mit Mike erstaunlich viel Ähnlichkeit hat.

Irgendwann kommt dann doch noch der Teil mit den Fotos, der zehn Minuten dauern wird, zu späte zehn Minuten, und dann stehe ich noch einmal vor der Entscheidung, die eigentlich schon am Anfang keine mehr war. Also verabschiede ich mich und gebe den Jungs noch einen, wie ich finde, angemessenen Tipp für den Feierabend mit, lege ihnen die rotbeleuchteten Frankfurter Straßenzüge mit den geographischen Namen ans Herz und denke, dass das jetzt ein Wahnsinns-Insider ist, dank dessen voller Dankbarkeit sich die Bandmitglieder auch dann noch immer wieder gerne an mich erinnern werden, wenn man bereits in das Alter gekommen ist, in dem man für Lebenswerke geehrt wird. Vielleicht werden sie mich mal in einem Fernsehinterview erwähnen oder in einer Band-Dokumentation, die rückblickend einmal die besten Momente ihrer Karriere zusammenfassen wird. „Weißt du noch“, wird dann einer von ihnen sagen, „damals, dieser komische Vogel in Frankfurt, ein Idiot, aber er wusste, was gut ist.“ Und Mike wird sagen „Ja man und der hat meine Bierflasche mit ´ner scheiß Wasserflasche aufgemacht. Doch irgendwie ´n krasser Typ.“ Doch die Jungs haben in all den Jahren und auf ihren zahllosen Touren viel gesehen von der Welt und den Städten, in denen sie gespielt haben und das Bahnhofsviertel gehört dazu. „Oh yeah, we have already left a lot of Deutsch Mark in the Bahnhofs area.“ Kent kennt die Gegend um den Frankfurter Bahnhof besonders gut, wie es scheint. Ich wünschte, ich könnte sehen, welche Bilder „Bahnhofs area“ in seinen Erinnerungen wiederbeleben und dann denke ich, dass ich es mir eigentlich doch nicht wünsche, denn dann erzählt er mir noch irgendwas von diesen Kinos, die es dort früher mal gab und von Wichskabinen. Ja, ja, davon habe ich auch schon gehört, sage ich dann, belasse es dabei und denke an den innerstädtischen Verkehr um diese Uhrzeit und daran, dass es fast unmöglich sein wird, jetzt noch rechtzeitig zu Beginn der Vorstellung den Mousonturm zu erreichen.

Am Ende schaffe ich das Unmögliche aber doch noch und zwar punktgenau. Noch während sich mein Hintern neben die Hintern meiner Freunde müde auf die schmalbepolsterte Sitzfläche im Zuschauerraum des großen Saales fläzt, fläzt sich auch eine experimentelle, französische Dunkelheit stumm auf das erwartungsvolle Publikum, in der sich grade irgendwo auch ein bisschen Wehmut versteckt, Wehmut sich grade irgendwie auch ein bisschen gegen die Jugend entschieden zu haben und dafür, ein Konzert zu verpassen, auf dem ich zum allerersten Mal die Musik hätte live hören können, die auf dem Zelluloidstreifen meiner Erinnerung einige Meter Tonspur in dem Abschnitt belegt, der von einem jungen und wilden und guten Früher erzählt, von Momenten, die ein unauslöschliches Bündnis mit dieser geschrabbelten Dreiakkrodmusik eingegangen sind. Stattdessen höre ich nichts. Hier ist das Gegenteil von dort, es ist dunkel und es bleibt lange dunkel und als ein schwaches Licht die leere Bühne aus der Dunkelheit hebt, befreie ich auch meine Gedanken von Hadern und Nostalgie, denn ich erinnere mich daran, dass sowieso mal jemand zu mir sagte, „I heard they suck live“.


Frankfurt, im Frühjahr 2015

Fat Mike (*1967 als Michael John Burkett – US-amerikanischer Musiker)

Photos & Texts © 2018 by Alexander Mirsch.