Thees Uhlmann

„Hallo Herr Mirsch“, begrüßt mich Thees gut gelaunt, als ich aus dem Wohnzimmer am Helmholtzplatz hinaus trete und ihn von der Straße holen will, wo er auf mich gewartet hat. Ich sage „Thees“ und er guckt irritiert und ich sage „Wenn das jetzt okay war, mit dem Du?“ und er bejaht, irgendwie erleichtert und, als zitiere er die Zeile eines seiner Songs sagt er: „Duzen kann man sich nur, wenn man sich vorher gesiezt hat.“ und lacht und ich lache auch, aber nur ein bisschen, weil ich gleichzeitig darüber nachdenken muss, ob der Satz nicht nur gut klingt, sondern auch Sinn macht. Und vielleicht macht er vieles, zum Beispiel sympathisch, Sinn aber nicht so richtig, entscheide ich mich später, aber welcher der Thees’schen Texte der Tomte-Zeit tut das schon für Außenstehende. Rund ein Jahr später werde ich exakt diesem Satz wiederbegegnen und merken, dass er keinem Song seiner Bandzeit anzulasten ist, sondern es wird der Tod sein, der ihn diesmal aussprechen wird, mehrmals und erstmals auf Seite 18 in Sophia, der Tod und ich, Thees Debütroman.

Der warme Innenraum meines Lieblingscafés in der Hauptstadt ist gut gefüllt mit Frühstücksgästen, von denen auffallend viele in abwesender Gesellschaft da sind, Menschen, die mit einem virtuellen Jenseits, jenseits von Apple-Bildschirmen in unterschiedlichen Sprachen rücksichtsvoll bedeckt murmeln und nuscheln, während ihnen weiße Schnüre aus den Ohren hängen. Hier und da am Kaffee nippend, reden sie manchmal auch nur stumm tippend und meine Augen lesen lauschend im Vorbeirauschen an Gestik und Mimik Gesprächsfetzen ab. „Guck mal die alle“, sage ich und Thees nur so „Boa!“ und verdreht so zustimmend die Augen, als hätte er auch grade „Guck mal die alle“ sagen wollen. Dann erreichen wir den Raucherbereich und treten durch die klapprige Schiebetüre, an der von außen ein Tortendeckchen mit der Aufschrift „Reserviert ab 10 Uhr“ seit einigen Minuten Platz für uns hält. Thees setzt sich und das gleich Nächste, was er tut, er befreit seine im Sitzen mit Inhalt zu engen Hosentaschen von ihrem Inhalt, von Kippenschachtel und Feuerzeug, und bei schwarzem Tee mit Milch und der ersten Zigarette plaudern wir an einem Novembermorgen in Berlin über Paris im Herbst. Dass es mein Lieblingslied von ihm sei, sage ich und er erzählt mir die Geschichte des Textes. Nur wenige Tage später bin ich selbst in Paris und während ich mich an einem Novembernachmittag einreihe in die Scharen der durch die Parks und Gassen der Stadt schlendernden Menschen, fühle ich mich ein bisschen wie zu Besuch in Thees Song.


Berlin, im Herbst 2014

Thees Uhlmann (*1974 – deutscher Musiker & Autor)

Photos & Texts © 2018 by Alexander Mirsch.