Heino Ferch

Die Sonne steht hoch und heiß über der Isar-Metropole, das Jahr ist auf dem Sprung in die zweite Halbzeit, Zeit für das Filmfest München, das in diesem Jahr, neben vielen Filmen, zwei wichtige Termine für mich bereithält, beide heute, beide direkt nacheinander und beide direkt nebeneinander. Der eine Termin heißt Uschi Glas, der andere Heino Ferch.

Mit Uschi Glas habe ich einige charmante, aber sehr kurze Telefonate, die immer wieder von Funklöchern beendet werden. Deshalb dauert es etwas, bis wir uns einander an unseren Treffpunkt gelotst haben, vor den Eingang des Münchener Szenetreffs H’ugo’s, wo grade, am frühen Nachmittag, der traditionelle ZDF-Empfang stattfindet, den sie für unseren Termin kurzzeitig verlässt. Während wir, nur ein paar Schritte entfernt von dort, wo man sich kennt, küsst und umarmt, wo Gläser und Häppchen gereicht werden, beginnen Fotos zu machen, kommen auch einige Passanten vorbei. Ein paar ältere bleiben neugierig, aber auch irritiert stehen und gucken so, als wüssten sie noch nicht genau, ob sie Elsner, Berben oder Glas denken sollen, haben dann aber doch so eine Ahnung und raunen ihren vollkommen desinteressierten Frauen begeistert ein kurzes „U“ und ein langes „schi“ zu, das ich ihnen von den beschnäuzten Lippen ablese, während mir ihre Augen irgendwas von geheimen Wünschen nicht verschweigen können. Und zu denen gehört jetzt vor allem der, sie auch mal fotografieren zu wollen, weil einem das ja sonst zu Hause keiner glaubt. Bevor sie sich aber artikulieren können, sehe ich schon aus dem Augenwinkel, wie die Sechzig-Plus-Senioren auf Urlaub ihre Kleinbildkameras mit digitalem 20fach-Zoom unter der Gürtellinie unauffällig am Handgelenk aus der Hosentasche ziehen und heimlich entsichern, während ihre Frauen sie genervt oder eifersüchtig oder beides am Lederwestenzipfel zupfend mit „Gsssch!“ oder „Kommst du jetzt!“ oder sowas in der Art zu einer Eile mahnen, die eigentlich gar nicht besteht und die ihre Männer auch nicht verstehen, weil sie die Welt, im Angesicht von Uschi Glas, grade sowieso nicht mehr verstehen. Dabei pendelt ihr Blick eine Weile nicht nur nervös zwischen ihr und mir, sondern auch zwischen einem Ausdruck verliebter Anhimmelei und aggressiver Ungeduld. Nach einer weiteren Weile fühlen sie sich dann endgültig an der Reihe und beginnen sich, einer nach dem anderen, zwischen Uschi Glas und mich zu drängen, weil sie nicht verstehen, dass es meine Zeit ist, die sie hier grade verplempern, indem sie ihren Haussegen in Schieflage glotzen, wodurch sie hinter der nächsten Häuserecke Sätze von ihren Frauen riskieren, die mit „Das war das letzte Mal…“ oder einer Ohrfeige beginnen. Doch bevor ich etwas sagen kann, kommt mir Uschi Glas zuvor, lässt gewähren und erlaubt, dass mir die grauen Männer die ohnehin schon knappe Zeit stehlen. Irgendwann, als das öffentliche Interesse und die Rentner verebbt sind, bin ich dann wieder an der Reihe und kurze Zeit später auch fertig. Wir verabschieden uns und ich breche zu meinem zweiten Termin an diesem Tag auf, der gegenüber im ziemlich besten Hotel am Platz stattfinden soll.

Während ich mich dort hinbegebe, torkeln neben mir auch ein paar Gäste des ZDF-Empfangs, die dasselbe Ziel wie ich und es mit dem Champagner offensichtlich übertrieben haben, grob in Richtung des Bayrischen Hofs und versuchen den Eingang zu treffen. Im kleinen Parkstück, das den Promenadenplatz zum Platz macht und die beiden Straßenseiten voneinander trennt, schaut ein Hintern aus dem Gebüsch, der in einem schicken Rock steckt und bevor ich mich fragen kann, was er da macht, höre ich ein süßes, kurzes Frauenwürgen. „Geil!“, denke ich, „Der Rock kotzt die Fischhäppchen in den Busch.“ Dann kommt die Frau raus und sieht mich. Ich schätze sie auf Anfang fünfzig. In der einen Hand hält sie einen zigarettenförmigen Aschestängel, an dem ein aufgequollener, gelblicher Filter hängt, in der anderen eine weiße Handtasche mit einem lachsfarbenen Fleck. Die Schminke des rechten Auges ist verschmiert, die Nase läuft bis an die Oberlippe und sie macht einen Gesichtsausdruck, als würde sie nicht nur die Last dieses Moments, sondern auch der ganzen Welt und der ganzen Weltgeschichte auf ihren Schultern tragen. Ich kenne sie nicht, lächle sie aber verschwörerisch an, worauf sie reflexartig wegschaut, als gäbe es mich gar nicht, so wie Kinder sich die Augen zu halten und deshalb denken, sie seien unsichtbar. Ich lächle auch noch die kurze zweite Hälfte des Weges lang, so für mich, bis ich da bin und problemlos den Eingang des Nobelhotels treffe.

Unzählige Menschen flitzen dort eilend und unsortiert durch die Eingangshalle ohne zusammenzustoßen und ich denke, dass das doch erstaunlich ist. Es ist wie ein buntes, lautes Wimmelbild der Wichtigkeit in dem alle irgendwie aussehen, als wären sie grade einer Plakatwerbung für Chanel oder Dior oder Marco Polo entstiegen, schön und schick und sexy, mit Hüten, unter denen sie 300-Euro-Frisuren und Sonnenbrillen, hinter denen sie die letzte Nacht verbergen, Menschen, die alle so perfekt riechen, als würden sie rund um die Uhr ausschließlich Aftershaves und Parfums ausschwitzen. Menschen, die den Anschein erwecken, als würden sie von der Welt nichts Geringeres erwarten, als zu ihnen aufschauend, in Demut für sie stillzustehen, weil sie wieder mal einen kleinen Film koproduzieren. Menschen, die sich mit ihrer eindringlichen Präsenz so sehr in den Moment brennen und von denen die Geschichte in hundert Jahren keine Geschichte mehr zu erzählen haben wird, alles betörender Schall und beißender Rauch, flüchtig wie Aftershaves und Parfums und der Champagnerrausch eines Nachmittages. Hier kann man eigentlich nicht bleiben und genau das tut auch Mario Adorf, nicht bleiben nämlich, und bahnt sich an mir vorbei, flüchtend den Weg nach draußen, wo Tommy Haas grade eine lächerlich große Tennisschlägertasche in den Kofferraum seines Wagens packt, als dann endlich auch der Rock von der Drehtür des Hotels ins Foyer gespuckt wird und sich gesenkten Hauptes zügig in den Safe Room der Damentoilette zurückzieht, um vermutlich erstmal klarzukommen.

Dann ruft auch schon Heinos Manager an. Sie wären gleich da, sagt er, erklärt mir wo „da“ ist, dass ich „da“ auch hinkommen soll und, dass ich „da“ genau zehn Minuten Zeit für die Fotos habe und, dass das ja reichen müsse. Und ich frage mich, wie immer alle auf diese zehn Minuten kommen. Ich finde beide, wie beschrieben, abseits von Gemurmel und Gewusel, im hinteren Teil des Gebäudes, in einer ruhigen Ecke, die zu einem hoteleigenen Restaurant gehört, das auf ist, aber noch nicht geöffnet hat.

Während ich mit den Fotos beginne, hält sein Manager streng die Uhr im Blick und sieht so aus, als würde er jede Sekunde zählen wie Schäfchen und ich wünschte, er würde darüber einschlafen. Ich unterhalte mich mit Heino über die Dreharbeiten zu Uwe Bolls Film Max Schmeling, bei denen wir uns vor vier Jahren kennenlernten. Damals standen wir in der prallen, kroatischen Frühlingssonne Zagrebs und hatten die Zeit unseres Lebens, also nicht unbedingt im Sinne von gut, sondern von lang. Wir warteten in der Mittagsschlange zum Catering, die sich aus nicht ersichtlichen und auch nicht erklärten Gründen nicht bewegte. Dafür wuchs sie aber nach hinten raus bis ins Unsichtbare und bei den vielen Menschen, die an diesem Tag damals dort herumliefen, mit all den Statisten, tat sie das vermutlich bis nach Dubrovnik. Es war eine Zeit, in der das Essen an Filmsets noch aus alternden, rostreichen Foodtrucks gereicht wurde, nicht weil Foodtrucks damals schon hip waren, sondern, weil es praktisch und schon immer so gewesen war. Vermutlich hatte auch Uschi Glas schon vor denselben Foodtrucks in der Tiroler Frühlingssonne gestanden, damals, als vegan und laktosefrei in Deutschland noch sinnfreie Worte waren. Und wahrscheinlich hatte sich auch das Essen an Filmsets seit dieser Zeit nicht wirklich gravierend verändert. Es gab immer noch jeden Tag irgendwas mit Gulasch und Nudeln, was sich jeden Tag nur in dem „irgendwas“ unterschied. Das „irgendwas“ war sowas wie die tägliche Variable, die allerdings kaum Spielraum für kulinarische Sprünge, weg von einer universellen Geschmacksmitte erlaubte und ein Geschmack, der es allen versucht Recht zu machen, über den motzt am Ende doch jeder.

Vor mir in der Schlange stand also Heino Ferch und irgendwie kamen wir ins Gespräch und auf das Thema Hörbücher. Unser Austausch entwickelte sich schnell zu einer intensiven, interessanten Diskussion, die ich stundenlang hätte führen können, wenn sie nicht nach zwei Minuten zu Ende gewesen wäre, als sich vor uns in der Schlange eine junge Frau Ende zwanzig umdrehte. Sie hatte uns schon beim ersten Wort aus Heinos Mund immer wieder lauschende Blicke zugeworfen, also ihm eher als mir. Nun unterbrach sie ihr eigenes Gespräch unhöflich abrupt, weil sie offenbar den Eindruck hatte, sich jetzt ganz dringend an unserem Gespräch beteiligen und mir deshalb genauso abrupt ins Wort fallen zu müssen, bevor sie platzte oder sowas. Ich überlegte, welche Rolle sie hier am Set wohl spielte und fand, dass sie irgendwie nach Garderobe oder Maske aussah oder Praktikum, nach HFF oder dffb. Ihre ein bisschen stupsige Nase schaute, leicht nach oben gebogen, abschätzig auf uns herab, eher auf mich wahrscheinlich. Ihre gürtellose Jeans reichte bis zum Bauchnabel, der zum Glück von einem Top verdeckt war, das in der Jeans steckte. Die Gläser ihrer vermutlich teuren Sonnenbrille füllten fast ihr ganzes Gesicht aus und ihre Frisur erinnerte mich an Kinderfotos aus den 80ern. Nase und Wangen waren übersäht von kleinen, dunklen Sommersprossen, die aussahen, als hätte man Scheiße durch ein Haarsieb geschossen und, vielleicht dachte ich das auch nur, weil ich sie scheiße fand. Unvoreingenommen könnte man auch meinen, dass sie einfach nur wie aufgemalt aussahen, die Sommersprossen, oder wie Mohnsamen oder ganz kleine Mohnkugeln vielleicht und damit irgendwie auch wieder verdammt süß. Insgesamt war sie aber nicht verdammt süß, wie sie da vor uns stand mit dieser Selbstverständlichkeit, mit der sie mich nicht mal anguckte und dieser Berechenbarkeit, mit der sie uns ihren Beitrag aufgedrängt hatte, um den sie niemand gebeten hatte und den sie sich deshalb auch sonst wo hinschieben konnte, von mir aus in den Arsch. Und da gehörte er auch hin, denn das was sie gesagt hatte, war nicht nur einfach belanglos, sondern irgendwie auch wahnsinnig unpassend. Es war so unpassend, dass niemand so genau zu wissen schien, was eine passende Antwort darauf sein könnte und deshalb sagte auch erstmal niemand etwas. Vermutlich hatte sie doch nicht so genau zugehört oder es war ihr eigentlich egal, was sie sagte, weil es ihr mehr um das Teilnehmen ging, als um das, was sie zu teilen hatte. Die Stille dauerte eine gefühlte Ewigkeit, während in meinem Kopf ein vertrockneter Busch einmal quer durch die Szene wehte, weil sich das so gehört in solchen Momenten und, weil das der Job von vertrockneten Büschen ist, zumindest in meinem Kopf und beim Film. Eine gefühlte Ewigkeit, in der ich mir auch darüber Gedanken machte, wieso sich Menschen für andere Menschen, die sie gar nicht mögen aber fremdschämen können.

Dann ging plötzlich ein Ruckeln durch die Schlange und es ging in Pisspottschritten weiter, endlich. Ohne ein weiteres Wort drehte sich die Brille daraufhin sichtbar erleichtert von uns weg, nach vorne, zurück in die Richtung, in die auch alle anderen jetzt erleichtert guckten. Auch Heino und ich sprachen kein weiteres Wort mehr, bis heute, dachten nicht mehr an Hörbücher, weil auch wir jetzt, wie alle anderen, vornehmlich ans Essen dachten, das Schritt um Schritt näher kam, an Gulasch und Nudeln mit irgendwas.


München, im Sommer 2012


Heino Ferch (*1963 – deutscher Schauspieler)

Photos & Texts © 2018 by Alexander Mirsch.