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Klaus Staudt - Bis Zeit ist

  • 4. Apr.
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 18. Apr.


Ich fühle mich wie eine Schneekugel mit Gestöber, während ich in meinem Korbsessel sitze und darauf warte, bis endlich Zeit ist. Es ist nicht schön, warten zu müssen, bis Zeit ist, loszumüssen, aber es ist viel besser als das Losmüssen selbst, weil man beim Warten noch zu Hause ist im Vertrauten, weil es die letzte Etappe ist vor der allerletzten, der Anreise, bevor die Sache dann persönlich wird.

Genau vor mir in meinem Schlafzimmer steht Anthony Kiedis und hat dabei sehr wenig an. Sein Blick schweift durch eine Tauchermaske an der ein Schnorchel baumelt in die Ferne. Soweit ich das beurteilen kann, ist es das Einzige, was er trägt. Aber wer, wenn nicht er, kann das genauso tragen.

Ich spreche ihn an. »Was mache ich hier nur?«, frage ich ihn, aber er kann es mir nicht beantworten, bemerkt mich nicht einmal. Unbeirrt und schweigsam starrt er sehr konzentriert auf einen Punkt, der sehr weit außerhalb des Fotos von Anton Corbijn liegt, das als riesiges Poster über meinem Bett hängt, sehr weit weg, irgendwo im Pazifischen Ozean.

Ich sehe auf mein Handy. Keine neue Nachricht. Sehe auf die Uhr. Immer noch Zeit. Morgen um die Zeit ist alles vorbei, nächste Woche um die Zeit, alles vergessen. Letzte Woche um die Zeit war der Frieden noch mit mir. Selbst gestern.

Meine Aufregung öffnet Dir die Tür, obwohl Du nicht geklingelt hast. Sie weiß, dass Du davorstehst. Seit einer Weile bist Du nur noch Gast, einer, der sich nicht ankündigt und das verlässlich oft. Zu Deinen Füßen liegen all die anderen Päckchen, die im Treppenhaus herum lagen und bei mir abzugeben sind. »Schön, dass Du sie mit hochgebracht hast«, denke ich. Vermutlich wird es besser werden.

In mir stöbert Sämtliches gleichzeitig herum, weil einem Gestöber das Fingerspitzengefühl fehlt nicht vollumfänglich aufzutreten und weil es sich deshalb nicht aussuchen kann, was es aufwirbelt, wirbelte es immer alles gleichzeitig auf, was es zu greifen bekommt und lässt keinen Stein auf dem anderen.

Ich sollte lieber meine Notizen und Ideen nochmal durchgehen, mich einstimmen auf das Fotoshooting gleich mit Klaus Staudt, mich entspannen, mein Lampenfieber wegpacken, wegdenken, wegatmen.  Stattdessen denke ich über Deine Worte nach. Du schreibst vom anderen Ende der Welt: »Ich liebe dich« und »sei umarmt« und »<smil> <head> <layout>  <root-layout/> <region id="Text" top="70%" left="0%" height="30%" width="100%" fit="scroll"/> <region id="Image" top="0%" left="0%" height="70%" width="100%" fit="meet"/> </layout> </head> <body> <par dur="10s"> <img src="IMG_5030.jpg" region="Image"/> </par> </body> </smil>.« Nichts davon macht Sinn, keine Deiner Nachrichten kann ich entziffern. Vielleicht weil sich nicht nur Ort und Zeit, sondern auch alles andere zwischen uns zunehmend verschiebt.  

»Fokussiere dich«, denke ich und komme zu meiner immer noch offenen Frage zurück. Also, was mache ich hier schon wieder? Thees Uhlmann hat fünf Jahre nicht gesungen und ich genauso lange niemanden fotografiert. Warum kann ich es nicht dabei belassen? Du würdest sagen »Wegen dem Fame«. »Welcher Fame denn?«, würde ich antworten. Du würdest sagen, dass Du es verstehen musst, um weitermachen zu können. Es war immer hoffnungslos an der Stelle.  

Ich denke darüber nach, wieso mich dieser emotionale Stress befällt, wieso ich mir den seelischen Unfrieden antue. Die Frage ist berechtigt. Auf den Notizzetteln für die Fotoshootings steht unter den vielen Gedankenstützen stets auch der Hinweis: »Freude dabei haben«. Also noch mal: »Warum?« Nicht für den Prozess selbst, also das Fotoshooting und die Begegnung. Ich komme meistens in eine völlig unbekannte Umgebung in der ich mich schnell orientieren und auf die ich meinen vorher gemachten Plan anpassen muss. Ich muss umgehen mit dem was ich vorfinde, umdenken und loslassen. Raum, Zeit, Licht und Person zu etwas Neuem zusammensetzen. Dazwischen, die Erwartungen, die ich schaffe und die, die ich mitbringe, der eigene Anspruch. Das Scheitern fährt immer mit. Es steht von Anfang neben mir: »Keine Sorge«, sagte das Scheitern, »ich hab alles im Griff«. Tatsächlich ist es unvermeidlich, weil sich nie alle Ideen genauso umsetzen lassen, wie ich es mir vorstelle. Weil ich mir zu viel vorstelle, zu viel will, weil es sich nicht ergibt, die Zeit nicht reicht, weil es ganz normal ist, eben unvermeidlich. Aber das vergesse ich meistens und dann fühle ich mich schlecht. Dafür mache ich das alles also ganz sicher nicht.

Die Antwort ist, ich mache das einzig für die stillen Nächte vor dem Bildschirm, für die Momente, wenn sich unter den unzähligen Dateien plötzlich ein Foto zeigt, in dem alles stimmt, eine Masse an Rohmaterial aus dem sich ein Bild abschöpfen lässt, das mir etwas bedeutet. Für den Moment, wenn ich das Licht um mich herum ausschalte und im Takt irgendeiner Musik die Regler bewege und in einen Austausch mit dem Foto trete, eine Verhandlung darüber in welche Richtung wir uns bewegen. Wenn mich am Ende ein einziges Bild aus einer Serie berührt, dann hat sich alles gelohnt. Dann werde ich es wieder tun. Und kurz bevor es das nächste Mal persönlich wird, werde ich wieder irgendwo sitzen und warten bis Zeit ist und mich trotzdem fühlen wie eine trostlose Schneekugellandschaft mit Gestöber und mich wieder genauso ernsthaft fragen, ob diese Kosten es wert sind. Mir wird klar, solange ich das mache werde ich niemals das Gefühl haben, dass sie es wert gewesen sein werden, immer nur, dass sie es wert waren. Gefühle sind eine Frage der Perspektive.

Und plötzlich stehst Du wieder vor mir, verlässlich unangekündigt. Du sagst, ich werde immer ein Projekt haben. Ich sage, kann sein. Ich kann nicht nur so herumleben und sonst nichts tun. Eine Leidenschaft bleibt, wenn sie sich einmal eingestellt hat, dann ist sie nicht verhandelbar. Ich kann sie nicht ablegen, nicht ohne. Und Du nicht mit. Und irgendwann haben wir uns darüber verloren. Wir sind fort. So schnell kann‘s gehen, haben uns zerstreut. Ich hier und Du dort. Vielleicht ist es falsch und vielleicht soll es so sein. Manchmal denke ich, Typen wie ich bleiben besser allein. Viele Zeilen aus Thees Uhlmanns Songs kann ich auf mich beziehen, aber keine fühlt sich mehr für mich geschrieben an als diese. Und das ist schlimm.

 

Dann ist endlich Zeit. Einmal quer durch Frankfurt fahre ich durch die deprimierende Februarschneematschlandschaft und höre dabei Schneematschmusik. How to Disappear Completely windet sich aus den Lautsprechern und ich stelle mir vor, wie Du neben mir erscheinst auf dem Beifahrersitz, wie ich mit meiner Rechten Deine Hand nehme und halte, als könnten wir nie verschwinden, als wäre unser Verschwinden naturgesetzlich verboten, als wären auch wir nicht verhandelbar. Mein linker Daumen klopft im Takt auf meinen Oberschenkel und ich höre wie Du sagst, »Nicht mit dem Knie lenken«.

Klaus Staudt öffnet die Tür zu seinem Atelier. Es ist kein ganz Unbekannter mehr. Auf seiner Homepage gibt es Videos von ihm, die ich mir zur Vorbereitung angesehen habe. Jetzt, genau eine Woche später, ist er elf Jahre älter und wirkt genauso viele Jahre jünger. Die Videos sind alle im Jahr 2015 entstanden. Kaum zu glauben, dass er schon bald Mitte 90 ist. Er sieht gut aus. Er macht viel Sport.

Die Wolkenlosigkeit des Tages wirft harte Schatten durchs Atelier und meine Pläne über den Haufen. »Jetzt kann es losgehen«, flüstert das Scheitern. Aber es läuft gut. Ich bin ruhig und zufrieden mit meiner Arbeit, schon dort.

Wir reden über sein Leben und über meines. Er kennt meine Heimat. Auch über Deine Stadt reden wir. Er hat mal dort einmal gelebt und kennt sogar noch Deinen Opa und seine Arbeiten. Am liebsten würde ich Dich gleich anrufen und Dir davon erzählen, aber leider geht das nicht. Und dann plötzlich ist schon wieder alles vorbei. Es ist morgen um die Zeit und dann nächste Woche.

 

In den Tagen nach dem Besuch bei Klaus Staudt sitze ich oft auf der kleinen Fensterbank in meiner Küche, die eigentlich viel zu schmal ist, um darauf zu sitzen. Ich drücke meine doppeltumsockten Füße gegen die kalte Raufasertapete, um mich abzustützen. Auf einer Lampe direkt vor mir steht ein Glas Wein, weil nirgendwo anders Platz ist und auch der mich abstützt. Ich schaue hinaus, in den Himmel, als hätte man in den Nachrichten für diese Nacht endlich Antworten über der Stadt angekündigt, die sich hellerleuchtet zeigen und so schnell in der Dunkelheit verglühen, dass man gut aufpassen muss, um sie nicht zu verpassen. In der kommenden Nacht erwarten Hobbyastronomen ein beeindruckendes Schauspiel. Beobachtungen sind zwischen Mitternacht und den frühen Morgenstunden optimal, sagte eine vertrauenswürdige Radiostimme.

Ich sitze meist die ganze Nacht hier, weil ich die Zeit nicht mehr spüre, wie jemand der wegen Erfrierungen keinen Schmerz mehr empfindet. Vielleicht habe ich das Gefühl für die Zeit verloren, weil der Schmerz manchmal überhandnimmt und alles andere betäubt. Der Himmel bleibt dunkel. Stattdessen erscheinen und verglühen immer neue, unangekündigte Menschen auf der Straße. Sie alle wirken wie von Regieanweisungen in Szene gesetzt, genau für diesen einen Moment programmiert, wie die Figuren eines Computerspiels, die nur so lange existierten wie sie auf dem Bildschirm zu sehen sind. Niemand von ihnen ist ein beeindruckendes Schauspiel, denke ich, denn nirgendwo da unten bist Du.

Und ich merke, wie mich das traurig macht.

Weil ich hier bin und Du dort. Wo auch immer.

Weil ich nicht ohne Dich kann.

Weil ich hier bin und Du fort.

(Februar 2026)



 
 
 

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