Roger Willemsen

Roger Willemsen ist gut gelaunt, als er die altehrwürdige Bar im Kölner Süden betritt. Den Schmelztigel und seinen Pächter Freddy habe ich vor etwas mehr als einem Jahr kennengelernt, am Abend vor dem EM-Halbfinale zwischen Deutschland und der Türkei (3:2), weil ich hier noch was abgeben musste, einen Briefumschlag mit einem Mixtape auf CD für eine Frau, um deren Herz ich mich erfolgreich bemühte und mit der ich heute, als diese Fotos entstehen, schon nicht mehr zusammen bin, aber an der Musik lag das nicht. Ich hatte es ganz knapp verpasst, dass sie auch meinen Vornamensanfangsbuchstaben, zusammen mit denen der anderen wichtigsten Menschen in ihrem Leben, in einer Banderole um ein tätowiertes Herz am Oberarm ergänzte und ich weiß noch, dass ich das damals zwar etwas kitschig, aber auch schade fand.

Der Raum des Schmelztigels ist schwer, ledern und hölzern und riecht noch nach den Heimspielen des FC der grade vergangenen Saison. Und, weil es hier auch relativ dunkel ist, bitte ich Roger Willemsen nach draußen ins Licht zu schauen. Aufmerksam beobachtet er das großstädtische Treiben auf der Luxemburger Straße und erzählt dabei Reiseanekdoten am laufenden Band. Sein Buch Die Enden der Welt wird bald erscheinen und an diesem Nachmittag ist es, als würde er mir daraus vorlesen.

Er begegnet mir ohne Scheu, ohne Skepsis, aber mit viel Interesse, so wie den Menschen auf all seinen Reisen. Und obwohl die Anekdoten nur so aus ihm heraussprudeln, hört er mir zu, wenn ich versuche mit meinen bereisten Ländern und erlebten Geschichten nachzulegen. Gleichziehen ist vollkommen unmöglich. Zu allem was ich sage fällt ihm ein neues, eigenes Abenteuer ein und, wenn diese eines zeigen, dann, dass er sich für nichts zu schade ist, für keinen Ort und keinen Menschen auf der Welt. Er geht dorthin, wo es wehtut, wo es krass ist und dann, dann geht er noch weiter, einen ganzen Tagesmarsch lang geht er weiter, wie es scheint, dorthin wo es gefährlich ist, wo Dinge passieren, von denen wir nur in den Nachrichten erfahren, von denen wir hören und vor denen wir oft genug die Augen verschließen, weil wir es eigentlich nicht hören wollen. Ich beneide ihn dafür, für die Begeisterung und die Neugier eines Erwachsenen, der sein inneres Kind offenbar immer noch an der Hand hält, für seinen Mut, für seine Kontaktlust und Kommunikationsfreude, für sein Interesse an der Welt und am Leben an sich. Das was er erlebt hat reicht vermutlich für zehn normale Leben und dabei war seines, noch nicht mal ein ganzes.


Köln, im Herbst 2009

Roger Willemsen (*1955/†2016 – deutscher Publizist & Fernsehmoderator)

Photos & Texts © 2018 by Alexander Mirsch.