Isabel Allende


Writing is like sex, when you are madly in love: no matter what the odds are, you find the place and the time to do it.


Vor mir erhebt sich das letzte Stück des Weges, an dessen Ende sich die kleine Straße in einem Wendehammer um sich selbst legt. Und genau an der Stelle, wo sich die Straße umkehrt und auf den Rückweg macht, am höchsten Punkt, steht ein in mediterranen Farben gehaltenes Haus auf der Spitze der Klippe, die von hier aus den Ozean am Horizont zu überragen scheint, als käme zwischen dort und hier nur Himmel und Meer. Auf einer geschwungenen Treppe klettere ich über die Spitze der Klippe hinaus, hinauf in Richtung der Eingangstüre, die sich wie auf ein geheimes Zeichen plötzlich öffnet, schwer und hölzern, als habe jemand dahinter die Welt stundenlang durch den Türspion beobachtet und ungeduldig auf genau diesen Moment gewartet. Kleine Füße treten aus dem mediterranen Dunkel auf die Türschwelle und ein Gesicht taucht auf, das Gesicht einer älteren Dame, die ich sofort als Isabel erkenne. Sie lächelt mich an und ihr Lächeln ist das Letzte, was ich sehe, bevor sie mich erstmal an sich zieht und wortlos zur Begrüßung so herzlich umarmt, als würden wir uns nicht zum ersten Mal sehen, sondern nach einer langen Zeit endlich wieder, als wäre ich ein guter, alter Bekannter, den sie ein halbes Leben nicht mehr gesehen hat oder ein verlorener Sohn, der genauso lange verloren war und es kommt mir so vor, als dürfe mir das alles hier gar nicht fremd sein. In solch unerwarteten Momenten kann man unerwartet viel denken, stelle ich fest, vielleicht denkt man deshalb oft, dass manche Momente halbe oder ganze Ewigkeiten dauern, weil so viele Gedanken an einem vorüberziehen. Ich denke, was, wenn ich doch nichts von alledem bin, nicht Bekannter, nicht Sohn und auch nicht der, für den ich mich selber halte? Was, wenn ich gar nicht aus freien Stücken hier bin, weil ich wieder mal eine E-Mail geschrieben habe, sondern, weil Isabel mich wieder mal eine E-Mail hat schreiben lassen. Vielleicht hat sie schon vor mir gewusst, dass ich kommen würde, weil sie es so wollte. Was, wenn sie nicht nur mein ganzes Leben erfunden hat, sondern auch meine Erinnerung an ein ganzes Leben, dass sich für mich so echt und schon so lang gelebt anfühlt. Aber auch so ein Gefühl, das kann man ja aufschreiben und dann ist es da und dann denkt man, dass man auch immer schon da war. Und ich denke ernsthaft kurz darüber nach, ob es so sein könnte und ich nur eine erfundene Figur bin aus ihrem neuen Roman.

Bevor irgendetwas mit Fotos passiert, zeigt mir Isabel ihr Haus, während ihre Assistentin Juliette erstmal ein kleines Mittagessen wäscht, anmacht und unterrührt, in Scheiben schneidet, entkorkt und aufdeckt. Und dann sitzen wir zusammen und essen und erzählen und schauen dabei über den Pazifik in der Ferne und es hat so viel Normalität, als hätten wir nie etwas anderes getan, als mittags so zusammenzusitzen, bis längst schon kein Mittag mehr ist, bei Salat und Brot und gutem Wein, Isabel und ihr Mann Willie und Juliette und ich. Und auch Olivia ist da und wechselt zwischen hoffnungsvoll und enttäuscht von einem zum anderen und macht, was Hunde machen, wenn Menschen essen. Hin und wieder driften meine Gedanken ab, zu diesem einen, der nicht aufhören will, mich zu beschäftigen. Ich stell mir vor, dass auch die anderen hier nur erfundene Figuren sind, nicht mehr als Tinte auf Papier aus Allendes Feder, Menschen, die sie sich hergeschrieben hat, weil sie vielleicht einsam war und Katzen nicht mag und Hunde zwar für Futter alles tun würden, aber so sehr man sie füttert, übers Zuhören doch nie hinaus kommen werden. Vielleicht hat Isabel jeden von uns einmal wie eine Flaschenpost auf eine Reise geschickt, die uns irgendwann hier anspülen musste, weil es für uns nie einen Weg an diesem Ort vorbei gab. Und zwischen einmal und irgendwann da liegt das, was für uns ein ganzes Leben ist und für Isabel nur der Moment, den es braucht es genauso aufzuschreiben.

Nach dem Mittagessen spazieren wir durch den Garten zum Poolhaus, das sie zu ihrer Schreibwerkstatt umfunktioniert hat. Olivia folgt uns. Der Raum, ihre Casita, wie sie ihn nennt, ist groß, gekachelt und in denselben warmen Farben gehalten, wie auch der Rest des Hauses. Auf ihrem Schreibtisch stehen ein Strauß frischer Blumen, ein Foto, das ihre Tochter Paula zeigt, die vor fast zwanzig Jahren starb, und eine Kerze, die Isabel anzündet. „The flame is soothing, inspiring”, erklärt sie, “I believe it honors the spirits and the muse of inspiration.” In einem kleinen Nebenflügel der Casita nimmt Isabel an einem runden Tisch Platz, auf dem ein großes, schweres Buch liegt, ein Dictionary. Hier, umringt von den Erstausgaben ihrer zahlreichen Bücher aus verschiedenen Ländern, entstehen einige der Fotos, während wir über das Schreiben an sich reden und ihr erstes Buch, Das Geisterhaus, darüber, wie es entstand, in der Küche ihres kleinen Apartments in Caracas, in langen Nächten nach langen Tagen, damals, als sie von der älteren Dame, die sie einmal sein würde und der Zukunft noch keine Ahnung hatte und von all dem, weil all das irgendwer auch für sie noch zu schreiben hatte.


San Rafael, im Frühjahr 2011


Isabel Allende (*1942 – chilenisch-US-amerikanische Schriftstellerin)

Photos & Texts © 2018 by Alexander Mirsch.